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HARMONY - Schmunzelecke

Quelle: c't 2002, Heft 3 (www.heise.de)
Verfasser: Peter Sierung

Parlament macht blau

Unerwartete Verschnaufpause für die deutschen Abgeordneten: Bundestagspräsidentin Angela Merkel hat heute das ganze Parlament in den Zwangsurlaub geschickt. Dieser Tag dürfte als blauer Donnerstag in die Geschichtsbücher einziehen: Alle zentralen Informationssysteme des deutschen Bundestages sind ausgefallen, die Parlamentarier handlungsunfähig.

Dabei hatte es so viel versprechend anggefangen: In Ihrer letzten Amtshandlung hatte die rotgrüne Regierung noch die Neuausstattung des Bundestages exklusiv mit Software der Firma Mammut beschlossen. Das Projekt ließ sich gut an: Mit nur wenigen Monaten Verspätung gingen die ersten Systeme in Betrieb. Nach einem Jahr waren alle Altlasten abgelöst, wenig später schon arbeiteten alle Systeme - vom Telefon über die Dienstwagen und die zentrale Sprechanlage bis hin zur Klospülung - Mammut-gesteuert.

Jetzt haben sie versagt, und zwar alle. Ein Sprecher des Unternehmens, das in den USA inzwischen als Religionsgemeinschaft anerkannt ist, erklärte den Totalausfall, der auch die deutsche Wirtschaft lähmt: Bei Wartungsarbeiten, die der Verbesserung des Service dienen sollten, habe ein Fehler das automatische Update-System lahm gelegt. Aufgrund der 2002 neu definierten Ausrichtung der Software auf höchste Sicherheit schaltete ein System die anderen automatisch ab, wenn es über mehrer Tage keine Updates mehr erhalte.

Offenbar ist dieser "Not aus"-Mechanismus den deutschen Behörden durchgeschlüpft. Bereits vor Monaten hatten Experten gewarnt, dass die so genannten "DICACs" (Distributed IT Competence Andministration Center) in Arbeit ersticken würden. So steht Kanzler Stoibers Geniestreich eine Quellcode-Kontrollkommission einzurichten und auf diesem Weg die Arbeitslosenzahl zu halbieren, inzwischen in keinem guten Licht mehr da. Schließlich hatte er lediglich Kräfte mit EDV-Grundkenntnissen zum Kombilohntarif anstellen lassen.

Insider schenken der Mammut-Erklärung ohnehin keinen Glauben, sindern halten den Vorfall für einen Sabotageakt einer geheimdienstähnlichen Abteilung des Unternehmens. Sie verweisen darauf, dass diese schon seit Jahren in Verdacht stehe, einer regen Spionagetätigkeit nachzugehen. So spekulieren die Medien, ob ws Zufall ist, dass gerade heute alle Systeme des Bundestages ausgefallen sind. Eigentlich stand für heute nämlich eine Debatte über die Revision eines im Jahre 2002 gefassten Beschlusses zur Schweigepflicht bei Sicherheitslücken an.

Die Kader der inzwischen wegen der Veröffentlichung von Sicherheitslücken in den Untergrund gedrängten Verfechter des Open-Source-Prinzips schlagen zynisch vor, die Parlamentssääle neu einzurichten: Man sollte dort Spieltische aufstellen, an denen die Lobbyisten selbst zukünftig die wichtigsten Entscheidungen fällen könnten - mittels urdemokratischer Prozesse wie Black Jack, Poker oder Roulette.